Amedspor als Sinnbild der Türkei

Rasierklingen und Rassismus

Vor zwei Wochen sorgte der Fall von Mansur Çalar für Aufsehen. Der Spieler von Amedspor soll mit einer Rasierklinge Gegenspieler angegriffen haben. Doch der Fall ist nicht so einfach, wie es zunächst scheint. Und steht exemplarisch für die derzeitige Lage in der Türkei.

Screenshot: thmhaber.com

Nimmt man den Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft ist es gerade nicht gut um die Türkei bestellt: Die drei großen Istanbuler Klubs stecken in einer wirtschaftlichen Krise, die Nationalmannschaft ist seit Jahren auf dem absteigenden Ast und in der Süper Lig steht mit Başakşehir ein Retortenklub mit Regierungsunterstützung vor der ersten Meisterschaft. Auch abseits der großen Fußballbühne ließ sich zuletzt wenig Positives vermelden. Ein Vorfall aus der dritten Liga schaffte es gar weltweit in die Schlagzeilen: Bei einem Spiel zwischen Amedspor und Sakaryaspor soll Mansur Çalar mehrere Spieler des Gast-Teams auf dem Platz mit einer Rasierklinge verletzt haben. 

Schon das Hinspiel in Sakarya war von Ausschreitungen überschattet: Noch vor Anpfiff wurden Mitarbeiter des Amedspor-Stabs im Stadion angegriffen; nach Spielende wurde gar versucht, in die Kabine der Gäste einzudringen. Der türkische Fußballverband TFF ahndete das Vergehen mit einer vergleichsweise geringen Geldstrafe für Sakaryaspor. Abgesehen von ein paar linken Zeitungen berichtete kaum ein Medium über die Vorfälle. 



Die Spieler und Offiziellen von Amedspor sind Kummer gewohnt. Seit 2015 trägt der Verein »Amed« im Namen, die kurdische Bezeichnung der südostanatolischen Stadt Diyarbakır. Seitdem gleichen viele Auswärtsspiele Spießrutenläufen. Die Umbenennung erfolgte kurz vor dem erneuten Ausbruch des Kriegs zwischen dem Staat und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Der Konflikt schwelte in vielen Großstädten im Südosten des Landes, in denen die türkische Armee ganze Stadtteile dem Erdboden gleichmachte. 

»Ideologische Propaganda«

Im Zuge der Militäroperationen verschärften sich anti-kurdische Ressentiments in der türkischen Öffentlichkeit, die auch vor Amedspor nicht Halt machten. Vor einer Pokal-Partie im Februar 2016 hielten die Spieler ein Banner mit der Aufschrift »Die Kinder sollen nicht sterben, sondern ins Stadion« hoch und wurden dafür vom Verband bestraft – obwohl sich selbst das gegnerische Team Fenerbahçe der Aktion anschloss. Der deutsch-kurdische Spieler Deniz Naki, der in Deutschland vor allen Dingen durch seine Zeit beim FC St. Pauli bekannt ist, verpasste das Spiel damals wegen einer Sperre aufgrund von »separatistischer und ideologischer Propaganda«.

Naki hatte sich kritisch über die vielen zivilen Opfer in den mehrheitlich kurdisch bevölkerten Städten geäußert. Er wurde später von einem Gericht unter anderem wegen Terrorpropaganda zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und kurz darauf vom türkischen Fußballverband lebenslang gesperrt.